Insurance-Ecosystem

Weckruf aus Fernost: Plattform-Ökosysteme in der Versicherungswirtschaft

Wie Versicherer neue Kundenzugänge schaffen und das Heft des Handelns damit in der Hand behalten.

Versicherungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz in­vestieren zunehmend in Ökosysteme und Plattformlösungen. Doch viele Initiativen haben immer noch Experimentalcharakter. Wie man weitaus kompromissloser zu Werke geht, zeigt das Beispiel Ping An. Der chi­nesische Marktführer hat sein gesamtes Geschäft innerhalb von zehn Jahre auf den Fundamenten der Plattformökonomie neu aufgebaut.

Sicher, noch hat niemand die Assekuranz ge-ubert. Einstweilen scheinen die versicherungsmathematischen und regulatorischen Barrieren hoch genug, um die traditionsreiche Branche vor Disruptoren zu schützen. Und selbst die vielerorts wie Pilze aus dem Boden schießenden Insurtechs sind noch Jahre davon entfernt, den Platzhirschen der Versicherungswirtschaft den Rang streitig zu machen. Bis auf weiteres wird sich die Funktion der Startups darauf beschränken, das Portfolio der angestammten Marktführer mit Diensten zu ergänzen, deren Entwicklung ein Maß an Agilität erfordert, zu dem die IT-Organisationen der Konzerne trotz aller DevOps-Anstrengungen noch nicht mit der nötigen Geschwindigkeit in der Lage sind.

Doch reicht es aus dem Blickwinkel der Strategieabteilungen tatsächlich schon aus, einzig auf die Innovatoren der eigenen Branche zu blicken, um diese ihren Fähigkeiten entsprechend einzubinden? Könnte es sein, dass die eigentliche Gefahr nicht doch eher in einer ganz anderen Ecke lauert? Gerade für Versicherer ist es essenziell, den Radar hier so weit wie möglich zu fassen. Denn interessant wird es vor allem immer dann, wenn sich Wertschöpfungsfelder entwickeln, die die Kraft haben, eigene Wege zu gehen. Alte Gewissheiten können dann außerordentlich trügerisch sein. In besonderem Maße gilt dies für die Weiterentwicklung all jener Ökosysteme, die die bisherigen Formen des Wirtschaftens, Kommunizierens und Inter­agierens  – zumindest in Teilen – noch einmal völlig neu erfinden. So etwa die plattformgetriebenen Ökosysteme Smart City, Smart Home, Tele­medizin oder Industrie 4.0. Werden die Protagonisten dieser Wachstums­felder tatsächlich auch zukünftig noch die Dienstleistungen der etablierten Versicherungswirtschaft in Anspruch nehmen? Oder werden sie verstärkt Ausschau nach Ökosystem-eigenen Playern halten, die in deutlich kürzerer Zeit fähig sind, stimmige Angebote zu entwickeln und dann vor allem auch zu skalieren?

Ökosysteme fördern fortwährenden Innovationsprozess
Ein Versicherungskonzern, der diese Fragen selbst beantwortet, ist das chinesische Unternehmen Ping An. Mit großer Ausdauer hat Ping An sein komplettes Bestandsgeschäft auf cloud-basierte Plattformen überführt. Jede dieser Plattformen bietet dem Unternehmen vielfältige Anknüpfungs­punkte, um gerade auch solche Ökosysteme aufzubauen, die weit über das eigentliche Versicherungsgeschäft hinausgehen. Auf dieser Basis ergeben sich fortgesetzt Gelegenheiten, neue Wertschöpfungsmöglichkeiten zu er­schließen. Das Management weiß dies zu nutzen. Allein in den vergange­nen drei Jahren stieg der Gewinn von 8,7 auf 13,9 Milliarden US-Dollar. Dank dieser breit angelegten Wachstumsstrategie zählt die Ping An Insurance Group bereits jetzt zu den zehn größten Unternehmen weltweit – als einzige Versicherung.

Wobei diese Kategorisierung nur noch teilweise zutrifft. Längst hat sich die Gruppe in Wertschöpfungsfelder hinein entwickelt, die allenfalls eine gewis­se Nachbarschaft zum Stammgeschäft aufweisen. Gleichwohl erweitert jeder einzelne Entwicklungsschritt die Möglichkeiten des Unternehmens, seine Interaktionen mit den Kunden zu vertiefen. Ping Ans Ökosysteme vollständig aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Doch zeigt bereits ein kurzer Blick auf die Bereiche Gesundheit und Mobilität, in welchem Maßstab das Unternehmen seinen Wirkungsgrad in der Volkswirtschaft erhöht und dann auf dieser Basis fortwährend neue Wachstumsfelder erschließt.

Im Gesundheitssektor betreibt Ping An ein ganzes Netzwerk von Plattfor­men, mit denen es die unterschiedlichen Akteure unmittelbar bei ihren wichtigsten Informations- und Interaktionsbedürfnissen abholt, um ihnen auf dieser Basis spezifische Mehrwerte zu verschaffen. Im Gegenzug erhält der Konzern ein immer tieferes Wissen über die Interessen und Dispositio­nen der unterschiedlichen Bezugsgruppen des Gesundheitswesens. Im Zentrum dieses Plattform-Ecosystems steht Ping An Good Doctor. Mit rund 250 Millionen registrierten Nutzern ist sie die größte Telemedizin-Plattform weltweit. Hinzu kommt eine Krankenhausplattform, die etwa die Hälfte der privaten Kliniken in China mit IT-Leistungen unterstützt. Im Fokus steht aber auch das staatliche Krankenversicherungssystem. Hier bietet Ping An eine Serviceplattform, die mit Analytics-Lösungen zur Betrugsbekämpfung und Aufklärung von überzogener Medikamentenverschreibung beiträgt.

Mobilitätsplattform teilt Informationen mit Wettbewerbern
Eine ähnlich tiefe Marktdurchdringung erreicht das Unternehmen im Ver­kehrssektor. Ausgangspunkt ist die Handelsplattform AutoHome, auf der gegenwärtig rund dreißig Prozent der chinesischen Autoverkäufe abge­wickelt werden. Im Jahr 2016 hatte Ping An die Hälfte der Unternehmens­anteile von AutoHome erworben. Seither treibt der Konzern den Ausbau der Plattform voran.

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Integration von passenden Finanzierungs- und Versicherungslösungen. Auch hier schlagen die Chinesen Wege ein, die auf den ersten Blick überraschend erscheinen mögen. Denn obwohl das Unternehmen über eine Banklizenz und eine breite Palette an eigenen Finanzierungsprodukten verfügt, fördert man zusätzlich auch die Kreditvergabe über Dritte. Zu diesem Zweck hat sich Ping An an der Peer-to-Peer-Vergabeplattform Lufax beteiligt und diese in das Autoportal eingebunden. Das wohl wichtigste Asset dieser Initiative ist eine integrierte Scoring-Plattform, die Informationen zur Kreditwürdigkeit der einzelnen Autokäufer liefert. Über sein Ecosystem teilt Ping An diese Informationen mit anderen Kapitalgebern, darunter mehr als 200 Banken. Damit hat die Kreditwürdigkeitsplattform eigenen Angaben zufolge Zugang zu 700 Millionen Nachfragern. Parallel zur Reichweite wächst mit jedem dieser Kunden die Aussagekraft der Kreditprüfung. In einem im Februar erschienenen Interview mit dem Branchendienst „Digital Insurance Agenda“ stellt Ping Ans Innovationschef Jonathan Larsen fest, dass sich die Präzi­sion der Vorhersagen um 30 Prozent verbessert habe, seitdem man die Informationen mit Dritten teile. Zudem könne sich die Scoring-Lösung inzwischen auf mehr als 6.000 Entscheidungsvariablen stützen.

Versicherer bündelt IT-Know-how in Service-Tochter
Mit Lösungen wie dieser hat sich Ping An zu einem breit aufgestellten Technologiekonzern entwickelt, der weite Teile der chinesischen Ver­sicherungswirtschaft und Finanzindustrie mit passenden Dienstleistungen beliefert. Eigenen Angaben zufolge beschäftigt der Konzern allein 80.000 Mitarbeiter im IT-Bereich. Die Vermarktung dieser Kompetenzen läuft vor allem über das Tochterunternehmen OneConnect, das Anfang 2018 30 Versicherungen, 450 Banken und 2100 weitere Finanzinstitutionen zu seinen Kunden zählte.

OneConnect stützt seine Services auf eine SaaS-Cloud-Plattform, deren wichtigstes Alleinstellungsmerkmal darin besteht, die Compliance-Vorgaben der staatlichen Finanzaufsicht vollständig zu erfüllen. Auf dieser Grundlage bringt die IT-Tochter ein breites Portfolio an branchenspezi­fischen Front-, Middle- und Back-Office-Diensten an den Markt. Diese reichen von Biometrielösungen zur Gesichtserkennung bis zu einer Blockchain-Plattform für den Interbanken-Zahlungsverkehr.

Ähnlich wie Amazon Web Services schickt sich nun auch OneConnect an, zum wichtigsten Wachstumsbringer im Mutterkonzern zu werden. Bereits jetzt wird der Wert der Tochter einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge auf 7,4 Milliarden US-Dollar geschätzt. Um die weiter zunehmende Nachfrage bestmöglich zu nutzen, wird Ping An OneConnect voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte an die Hong Konger Börse bringen.

Initiativen in der DACH-Region verfestigen sich
Ob die Vermarktung branchenbezogener IT-Dienste über offene Plattformen auch hierzulande zu nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen führt, wird insbesondere das Beispiel Allianz zeigen. Anfang 2018 gab der Münchener Versicherungskonzern bekannt, Teile des hauseigenen „Allianz Business Systems (ABS)“ als Open-Source-Lösung frei verfügbar zu machen. Ziel sei es, eine spartenübergreifende Cloud-Plattform zu schaffen, auf der andere Versicherer alle erforderlichen Dienste und Funktionalitäten erhalten, um ihre Produkte aufzusetzen und bestmöglich zu automatisieren.

Ein ambitionierter Plan. Zumal der Innovations- und Kooperationswille speziell im deutschsprachigen Markt noch immer als eher eingeschränkt gilt. Beim Launch der Plattform betonte Andreas Nolte, Managing Director der Syncier GmbH, daher auch die Notwendigkeit, das Angebot als Open Source-Lösung bereitzustellen: Ungeachtet aller Vorteile sei man sich sehr wohl darüber bewusst, so Nolte, dass im Markt eine gewisse Scheu vor dem System eines direkten Konkurrenten vorhanden sei. Daher sei sein Unternehmen bereit, den Kern des Systems der Allgemeinheit zur Ver­fügung zu stellen. Jeder könne den Code prüfen.

„Die Intelligenz einer ganzen Branche ist einfach besser, als wenn nur einer allein daran arbeitet“, hob Andreas Nolte als wesentliche Motivation für die Öffnung des ABS-Systems hervor. Aus einer ähnlichen Überzeugung he­raus treibt auch der Rückversicherer Munich Re den Bau von Ökosystemen voran. Im Gegensatz zur Allianz konzentriert man sich dabei jedoch auf die Insur- und Fintech-Szene. Hierzu gegründete Munich Re Anfang 2017 das Startup-Unternehmen Digital Partners. Dessen vorrangiges Ziel besteht laut Eigendarstellung darin, „Kontakte zu jungen, wegbereitenden Unter­nehmen [zu knüpfen], die im Begriff sind, die Kundenerfahrung im Versicherungsgeschäft zu revolutionieren.“

Dass sich die Branche öffnen muss, steht außer Frage. Zumal die Pioniere aus dem fernen Osten durchaus näher zu rücken scheinen. So schloss Ping Ans Innovations-Chef Jonathan Larsen das oben erwähnte Interview mit dem Hinweis, dass sein Unternehmen sich nun an dem Punkt befände, an dem man internationalisieren wolle. Schließlich gründe Ping Ans Führungsposition auf „echten Kompetenzen, die ein ziemlich interes­santer Ausgangspunkt für eine Internationalisierung“ seien, so Larsen weiter. Angesichts des durchschlagenden Erfolgs, den Ping An mit eben diesen Kompetenzen auf dem chinesischen Markt erzielt, tut die europä­ische Versicherungswirtschaft gut daran, den Best Practices auf den Grund zu gehen, um die ihnen innewohnenden Wirkungsmechanismen ihrerseits zu nutzen, noch bevor dies andere tun.

Erschienen in der Versicherungswirtschaft, Ausgabe August 2019